Orte Ost – Oberschöneweide. Das Silicon Valley des Ostens?

Pilotfilm der DDR-Museum-Reihe „Orte Ost“ mit Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk über Oberschöneweide als Erinnerungs- und Zukunftsort.

Datum
January 2, 2026
Jahr
2026
Dauer
1:02:53
Quelle
DDR Museum / YouTube
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Gesprächsdokumentation

Videozeit 00:00 [Musik] Lasst uns hier Zukunft diskutieren. Hier gibt es so viel Potenzial, so viele Ideen, so viel Buntheit und Verrücktheit und vor allen Dingen Raum für Neues. Also, liebe Leute: Die Zukunft findet in Oberschöneweide statt. Berlin war damals die drittgrößte Stadt der Welt, nach New York City und London. Wir sind hier sogar auf den Titel gekommen: das historische Silicon Valley. Hier wurden Dinge erfunden, produziert und verkauft, von denen man an vielen anderen Orten noch gar nicht wusste, welche Bedeutung sie einmal haben würden. Insofern ist das hier wirklich ein Zukunftsmotor gewesen.

Videozeit 01:05 Hier wurde in die Zukunft geschaut. Die Transformation, über die wir reden, die Ostdeutschland und auch Berlin Anfang und Mitte der 1990er Jahre mit voller Wucht getroffen hat, ist letztlich Ausdruck einer globalen Transformation. Sie ist ein maßgeblicher Erklärungsschlüssel dafür, warum unsere Welt heute so aussieht, wie sie aussieht. Dann kam der große industrielle Aufschwung in Deutschland, im Grunde mit der Erfindung von Strom und Elektrizität. Nun konnte man Dinge auch unabhängig von Wasser bewegen. Wenn wir das können, können wir auch größere Betriebe bauen. Das ist praktisch die Geburtsstunde der modernen Industrie. Die Berliner Innenstadt wurde zu klein und zu eng. Die Leute beschwerten sich über Dreck und Lärm.

Videozeit 02:05 Überall waren Fabriken, es war furchtbar. Deshalb kaufte die Terraingesellschaft dieses Terrain. Man hat diesen ganzen Ort schon auf dem Papier vorgeplant. Die Straßen wurden nach den großen Playern der damaligen Industrie benannt, die man gerne hier gehabt hätte. Man baute schon einmal die Brücke, damit die Bahn herüberkommen konnte. Dann war die Brücke geschmückt, und man sagte: Nun kommt mal. Aber erst kam niemand. Dann kam ein großer Betrieb: die Familie Rathenau, eine ganz berühmte Familie der deutschen Geschichte. Emil Rathenau, der Gründer der AEG, suchte ein großes Areal, auf dem er ein richtiges Stammwerk errichten konnte. Er hatte auf eine neue Technologie gesetzt, die Starkstromtechnik, und bekam dafür in der Berliner Innenstadt keine Genehmigung.

Videozeit 03:04 Daraufhin sagte die Terraingesellschaft sinngemäß: Das Bauland könnt ihr geschenkt bekommen, kommt doch zu uns. Die AEG sagte: Gut, machen wir. So begann es hier raketenmäßig. Dort, wo heute unter anderem die Halle steht, entstand das erste Drehstrom-Kraftwerk Europas. Das baute die AEG hier in Schöneweide und produzierte auf einmal so viel Strom, wie sie verkaufen konnte. Emil Rathenau sagte: Wenn wir den ganzen Strom ohnehin hierher verlagern, dann holen wir auch die Industrie hier heraus. Innerhalb von 20 Jahren hatte die AEG 70.000 Mitarbeiter. Das war ein Start-up, das wirklich gut funktioniert hat. Hier in Oberschöneweide gab es viel Platz am Fluss, an der Spree, die man weiterhin brauchte, um Dinge schneller zu transportieren.

Videozeit 03:59 Dann wurden die großen Werke mit unglaublicher Geschwindigkeit errichtet. Schon nach fünf Jahren wohnten hier zehnmal so viele Menschen wie noch 1895. Nach zehn oder 15 Jahren waren es 15.000 bis 20.000 Menschen. Das war ein enormes Tempo. Es gab nicht nur riesige Werke, in denen alle möglichen Elektrogüter hergestellt wurden: Kabel im Kabelwerk Oberspree, Motoren, Transformatoren und vieles andere. Es gab auch ein Automobilwerk, das später zum Werk für Fernsehelektronik wurde. Wenn man so etwas aufbaut, braucht man nicht nur Arbeitsstellen. Es kommt die ganze Infrastruktur hinzu. Man baute Betriebswohnungen. Als das alles errichtet wurde, gab es das Wort Arbeitslosigkeit hier faktisch nicht.

Videozeit 05:00 Alle gut ausgebildeten Leute waren enorm nachgefragt. Man musste ihnen ein Angebot machen, mit dem sie sich identifizieren konnten und das ihnen eine Bindung an den Ort gab. So entstand hier eine Schöneweide mit Wohnungen, Ärzten, Betreuungseinrichtungen für Kinder, Schulen und Kirchen. Der Ort musste an das Berliner Infrastruktursystem angeschlossen werden, mit Bahnhof und allem, was dazugehört. Oberschöneweide wurde innerhalb von vielleicht zehn Jahren zu einem Zentrum der deutschen Industrie. Beim Kabelwerk Oberspree war die Moderne sichtbar: Auf dem gesamten Werksgelände war alles elektrisch, die kleinen Züge, die Fahrzeuge, die Produktion und die Fensterbögen.

Videozeit 05:54 Überall waren Glühlampen montiert. Das Kabelwerk strahlte aus allen Poren. Dieser Ort der Moderne war eine Adresse in Berlin, hier kam man her. Er wurde Elektropolis genannt, das Zentrum für alles, was mit Elektrizität zu tun hatte. Man muss sich vorstellen: Hier wurden auch frühe Röhren hergestellt, die für Radio und später für Fernsehen fundamental wichtig waren. Es ging nicht nur um Produktion, sondern zum Teil auch um technologische Erfindung. Das lag daran, dass Emil Rathenau und später vor allem Walther Rathenau jungen Technologen und Ingenieuren sehr gute Bedingungen gaben. Sie bekamen Laboratorien innerhalb der AEG und konnten experimentieren.

Videozeit 06:54 Ein Beispiel ist die drahtlose Telegraphie. Das war damals der große Hit. Man spannte Antennen über die großen Schornsteine und experimentierte mit drahtloser Telegraphie. Viele konnten sich dafür begeistern. Diese Brutstätte für neue Technologien ist auch der damaligen Zeit zu verdanken. Man hat nicht nur produziert, sondern weiterentwickelt. Das musste man auch, weil Krieg war. Für Kabel fehlte Kupfer, also musste man neue Metalle und neue Zusammensetzungen finden. Bei dieser Gelegenheit fand man heraus, wie bestimmte Legierungen und Kristalle bearbeitet werden konnten. Es ist wirklich spannend, dieses historische Silicon Valley anzuschauen.

Videozeit 07:51 Es gab viele Orte in Deutschland. Deutschland hatte damals eine andere Ausstrahlung als heute. In Ost-, Süd- und Westeuropa wussten viele um 1910 oder 1920 noch nicht, was sie mit Kabeln, Transformatoren, Motoren oder Radioröhren anfangen sollten. Insofern war Schöneweide tatsächlich ein Zukunftsmotor. Heute erleben wir drei oder vier Erfindungen, die unseren Alltag so stark durcheinanderwirbeln, dass uns die Zukunftsvorstellung abhandengekommen ist. Wir können uns kaum vorstellen, wie unser Leben in sechs Monaten aussieht. Das verunsichert und macht viele Menschen ängstlich. Deshalb ist es interessant zu schauen, wo wir herkommen. Oberschöneweide ist einer der Orte, an denen man das nachvollziehen kann.

Videozeit 08:52 Natürlich spielte sich hier auch Weltpolitik ab. Im Ersten Weltkrieg wurde die Produktion auf Kriegsbedürfnisse umgestellt. Das brachte wiederum höhere Profite. Im Zweiten Weltkrieg, in der NS-Diktatur, war es ähnlich. Hinzu kam, dass sich die NS-Diktatur in Oberschöneweide nicht nur daran zeigte, dass die Produktion auf die Kriegsbedürfnisse der Nationalsozialisten umgestellt wurde. Es gab hier auch Tausende Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. In Schöneweide gibt es heute eine Gedenkstätte, das einzige weitgehend erhaltene Zwangsarbeiterlager Berlins. Die Menschen kamen vor allem aus Osteuropa.

Videozeit 09:55 Sie kamen aus Russland, Belarus, der Ukraine und Polen und mussten hier zu Tausenden die deutsche Kriegsproduktion mit aufrechterhalten, damit Krieg in ihren eigenen Ländern geführt werden konnte. Es ist kein Zufall, dass Oberschöneweide im Zweiten Weltkrieg schwer zerstört wurde. Ich glaube, etwa 25 Prozent aller Gebäude waren beschädigt. Aus sowjetischer Sicht war klar: Deutschland hatte Europa verwüstet, Millionen Menschen umgebracht, alles lag in Schutt und Asche. Dafür sollten die Deutschen bezahlen. Auch in Oberschöneweide war der Schaden durch Demontagen der Sowjets größer als der unmittelbare Kriegsschaden. Das war aber nicht nur hier so. Überall in der sowjetischen Besatzungszone wurden Gleise abgebaut und alles, was nicht niet- und nagelfest war, fortgeschafft.

Videozeit 10:52 Vieles davon wurde in die Sowjetunion verbracht. Das Problem war, dass ein großer Teil dort verrottete, weil die Anlagen nicht kompatibel waren oder weil die technologischen Fertigkeiten fehlten, um damit etwas anzufangen. Das waren riesige Dilemmata. Dann brach der Kalte Krieg aus, der neue Systemkonflikt zwischen den USA und der Sowjetunion, zwischen Ost und West. Das führte die USA zu der Einsicht: Wir können Deutschland nicht deindustrialisieren, sondern wollen es als strategischen Vorposten im Kampf gegen die Sowjetunion gewinnen. Die Sowjetunion verfolgte eine ähnliche Logik, verlangte aber bis 1953 erhebliche Reparationszahlungen.

Videozeit 11:52 Das war für die SBZ und die DDR ein großes Hindernis, gerade in den ersten Nachkriegsjahren, um einen Standort wie Oberschöneweide schnell und kraftvoll wieder als Industriezentrum aufzubauen. Interessant ist: Die Substanz, die nach dem Krieg mühsam wieder aufgebaut wurde, existierte 1989 im Kern noch immer. Im Kabelwerk, im Transformatorenwerk und in anderen Betrieben arbeiteten Menschen teilweise an Maschinen, die aus der Kaiserzeit stammten. In diesen Großbetrieben Oberschöneweides gab es einerseits sehr alte, verschlissene Maschinen und andererseits hochmoderne Anlagen.

Videozeit 12:50 Diese Anlagen waren gekauft, entwickelt oder importiert worden. Alles stand nebeneinander. Die Presse 3 kam aus dem Ernst-Thälmann-Werk für Schwermaschinenbau, also aus der DDR. Die Presse 2 kam aus Westdeutschland, von Schlömann aus Düsseldorf; sie wurde in den 1970er Jahren gekauft und an die Bedürfnisse angepasst, damit sie mehr leistete, als die ursprünglichen Parameter vorsahen. In den 1960er Jahren ging es noch bescheiden voran, in den 1970er Jahren stagnierte vieles, und in den 1980er Jahren war vieles bereits verbraucht. Der Fehler war, dass man nicht ausreichend wieder investierte.

Videozeit 13:51 Eine sehr interessante Entwicklung in Schöneweide der letzten 100 Jahre verbindet sich mit dem berühmten Peter-Behrens-Bau. Dieser markante Bau mit dem Turm wurde vor gut 100 Jahren in Oberschöneweide errichtet. Ursprünglich war er als Automobilfabrik gedacht. Später wurde er in die Elektroindustrie integriert und ab 1906 zum Werk für Fernsehelektronik beziehungsweise zu einem Standort der Fernsehelektronik. Mit anderen Worten: Hier wurden Röhren für Fernsehgeräte hergestellt.

Videozeit 14:48 Die ersten dort hergestellten Produkte gingen auch in die Sowjetunion, etwa für den berühmten Fernseher Leningrad. Den muss man einmal gesehen haben, weil man sich sonst kaum vorstellen kann, wie die ersten Fernseher aussahen. Seit etwa 1950 wurden solche Geräte hier hergestellt. Die Bildfläche war nur unwesentlich größer als die eines heutigen Smartphones. Dieses Gerät kostete im Laden 3.400 Ostmark. Die meisten gingen in die Sowjetunion. Um eine Vorstellung zu bekommen: 3.400 Mark bedeuteten 1950 fast zwei Jahresgehälter eines durchschnittlichen deutschen Lohns. So ein Gerät konnte sich kein normaler Mensch leisten. Die Produktion von Fernsehbildröhren fand unter anderem hier statt.

Videozeit 15:48 Es gab auch anderswo in der DDR große Betriebe, vor allem in Staßfurt, aber Entwicklung und Produktion spielten hier eine wichtige Rolle. Bis 1984 wurden hier Schwarz-Weiß-Bildröhren hergestellt. Dann wurde diese Produktion in Oberschöneweide eingestellt, und es begann die Produktion von Farbbildröhren. Dafür gab die DDR sehr viel Geld aus, ich glaube über eine Milliarde Valuta, um in Japan ein komplettes Farbbildröhrenwerk zu kaufen. Deutsche Ingenieure, die hier arbeiteten, fuhren ein halbes Jahr nach Japan und lernten dort die Technologie kennen. Die gesamte Technologie wurde von Toshiba gekauft. Ich habe immer wieder gefragt, wie es möglich war, dass die DDR Hochtechnologie kaufen konnte. Die Antwort war oft: Die DDR wurde von Anfang an über den Tisch gezogen.

Videozeit 16:43 Die Technologie war nicht mehr neu, nicht mehr der allerletzte Schrei, sondern bereits etwas, das abgelegt wurde. Mit diesen Farbbildröhren zog natürlich auch das Farbfernsehen in die Geschäfte der DDR ein. Die ersten Geräte kosteten sechs- oder siebentausend Mark. Ich war Pförtner und verdiente etwa 340 Mark. Meine Eltern verdienten besser: Mein Vater war wissenschaftlicher Mitarbeiter, meine Mutter Lehrerin. Beide kamen auf über tausend Mark. Auch ich verdiente später auf dem Bau deutlich mehr. Manche Rentner hatten 1.400 bis 1.800 Mark.

Videozeit 17:42 Ein erfahrener Facharbeiter kam vielleicht auf 700 Mark, ein Einstiegsgehalt lag bei 900 Mark. Das klingt heute wenig, war damals aber gar nicht so schlecht. Unter Umständen gab es 50 Mark mehr. Unbefriedigend war die unterschiedliche Besteürung: Arbeiter und Angestellte wurden anders besteürt. Damit waren die Unterschiede am Ende weitgehend verwischt. Ich ging Mitte der 1980er Jahre in Oberschöneweide auf eine Abendschule, in der Wilhelminenhofstraße. Oberschöneweide wurde dadurch für mich ein Stück Heimat.

Videozeit 18:43 Hier holte ich mein Abitur nach, das mir vorher verwehrt worden war. In meiner Klasse war ein Mann, der im WF arbeitete. Er war ein ruhiger Typ. Eines Tages erzählte er mir auf dem Hof in der Pause, was er den ganzen Tag machte. Er sagte, er habe vielleicht den kuriosesten Job, den man sich denken kann: Er stehe zwischen zwei Förderbändern. Auf dem einen Band kämen halbfertige oder fertige Farbbildröhren an, die er herunternehmen und auf das andere Förderband legen müsse, damit sie weitertransportiert würden. Ich dachte: Das kann doch nicht wahr sein.

Videozeit 19:38 Die DDR beziehungsweise das Werk konnte offenbar nicht die ganze Produktionsstrecke bezahlen. Deshalb weigerten sich die Japaner, einzelne noch fehlende Teile zu liefern, weil Geld fehlte. Also mussten Menschen in der Mitte stehen und an einer hochmodernen Strecke die stupide Handarbeit machen, die man sich nur vorstellen kann. Unabhängig davon, ob diese Geschichte in jedem Detail stimmt: Entscheidend ist, dass man sie sich so lange erzählte und sofort glaubte. Man sagte: Ja, genau so funktioniert dieser Quatsch. So funktioniert unsere Industrie. An der Geschichte mit dem Werk für Fernsehelektronik ist jedenfalls etwas dran.

Videozeit 20:32 Bildröhren sind relativ schwer. Wer einmal einen alten Fernseher angehoben hat, weiß das. Ein beträchtlicher Teil des Gewichts lag an der Bildröhre mit dem dicken Glas. Es gab sicher Vorrichtungen und Hebehilfen, aber es gab tatsächlich auch Arbeitsplätze, an denen manüll umgelagert wurde. Man versuchte sicherlich, Lösungen zu finden. Solange aber Arbeitskräfte vorhanden waren, die diese Arbeit machten, war das nicht immer vordringlich. Es war vielleicht nicht typisch für die gesamte Produktion, aber es gab solche Arbeitsplätze. Das kann ich bestätigen.

Videozeit 21:32 Eine andere Geschichte ist ebenfalls bezeichnend und stimmt sicher: Die ganze Produktionsstrecke wurde aus Japan geliefert, verpackt in Holzkisten und Holzverschläge. Jeder, der schon einmal größere Dinge bestellt hat, weiß, dass solche Waren ab einer bestimmten Grösse gut verpackt werden müssen. Dieses Verpackungsholz war in der DDR extrem begehrt, weil es einen großen Mangel an Bauholz gab. Die Arbeiter hatten also zunächst damit zu tun, dieses Holz zu sichern.

Videozeit 22:31 Viele nahmen es mit auf ihre Grundstücke und nutzten es als Verkleidung, Bauholz oder für andere Zwecke. Die DDR war bei allem Mangel in solchen Dingen durchaus nachhaltig, wenn auch aus der Not geboren. Wahrscheinlich kann man in Datschen und auf Grundstücken der Umgebung heute noch japanisches Verpackungsholz finden. Ein zentrales Ereignis der Geschichte ist der Volksaufstand vom 17. Juni 1953. Auch dieser Aufstand hatte eine unmittelbare Vorgeschichte, die im Sommer 1952 begann.

Videozeit 23:37 Am 9. Juli 1952 trat die zweite Parteikonferenz der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands zusammen. Parteikonferenzen waren laut Satzung der SED Versammlungen zwischen den regulären Parteitagen, auf denen grundlegende Kurswechsel beschlossen werden konnten. Im Sommer 1952 entschied man sich zu einem solchen Kurswechsel: Nun sollte offensiv der Aufbau der Grundlagen des Sozialismus verkündet werden. Das hatte mehrere Konseqünzen. Für Oberschöneweide war besonders wichtig, dass die Schwerindustrie bevorzugt und vieles auf sie ausgerichtet wurde.

Videozeit 24:37 Damit wurde Oberschöneweide zu einem Zentrum des Aufbaus des Sozialismus. Zweitens begann ein ideologischer Kampf gegen alles, was nicht auf dieser Linie lag: gegen Kirchen, insbesondere gegen die Junge Gemeinde, auch hier in Oberschöneweide. In diesem Kampf, der 1952 auch auf die Landwirtschaft zielte, auf die Bildung landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften und gegen freie Baürn, entfachte man praktisch einen Kampf gegen die ganze Gesellschaft. Bestimmten Personengruppen wurden Lebensmittelkarten entzogen. Gleichzeitig wurde als Folge der Parteikonferenz im Oktober 1952 ein Gesetz zum Schutz des Volkseigentums beschlossen.

Videozeit 25:33 Das war ein Tabugesetz, mit dem man versuchte, der Gesellschaft sozialistische Eigentumsmoral mit Hilfe des Strafgesetzbuches beizubringen. Wer beispielsweise beim Diebstahl einer Handvoll Weintrauben erwischt wurde, konnte drei Jahre Zuchthaus bekommen. In Pankow wurde eine Frau verurteilt, weil sie den Diebstahl einer Schachtel Zigaretten durch einen Kollegen nicht angezeigt hatte: zwei Jahre Zuchthaus ohne Bewährung. Von solchen Fällen gab es Tausende. Menschen befanden sich in Not, zum Beispiel Familienväter, die ein Glas Konfitüre für ihre Kinder stahlen. All das geschah im Vorfeld des 17. Juni. Es brodelte an allen Ecken, immer mehr Menschen flohen, Hunderttausende verließen das Land.

Videozeit 26:29 Überall entstanden Lücken. Dann starb Stalin im März 1953, und es wurde ein Neür Kurs verkündet: Die harten Maßnahmen sollten zurückgenommen werden. Der Kampf gegen die Kirchen sollte beendet, die Bildung landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften gestoppt, politisch motivierte Urteile revidiert und Verurteilte rehabilitiert werden. Nur eines geschah nicht: Die beschlossene Normerhöhung zum 60. Geburtstag Walter Ulbrichts am 30. Juni 1953 wurde nicht zurückgenommen. Die Menschen hörten: Die Kommunisten haben Fehler eingestanden, reagieren aber nicht. Ab dem 12. Juni gingen Menschen auf die Straße. Zehntausende verließen ihre Arbeitsplätze, um in Demonstrationszügen ihre Unzufriedenheit mit dem System auszudrücken.

Videozeit 27:27 Sie verlangten die Annullierung der von Partei und Regierung angeordneten Normerhöhung, die Aufhebung der Zonengrenzen und freie gesamtdeutsche Wahlen. Auch in Oberschöneweide legten am 17. Juni alle Großbetriebe die Arbeit nieder. In diesen Großbetrieben gab es aber noch ein sozialdemokratisches Arbeiterbewusstsein. Das bedeutete auch, dass man bestimmte Maschinen nicht einfach abschaltete, weil es zu viel Zeit, Kraft und Energie gekostet hätte, sie wieder hochzufahren. Aus Sicht traditionsbewusster Arbeiter wäre das unverantwortlich gewesen. Also ließ man manche Maschinen weiterlaufen. Zugleich beteiligten sich Tausende an den Protesten und marschierten von Schöneweide und Köpenick ins Zentrum Ost-Berlins. Von hier aus gab es einen etwa zehn Kilometer langen Protestzug.

Videozeit 28:27 Er marschierte bis zum Alexanderplatz und zum Potsdamer Platz. Das ist beeindruckend. Der 17. Juni wurde durch sowjetische Panzer niedergeschlagen. Eine Folge in den Betrieben, auch im KWO und TRO, bekamen die meisten Menschen damals kaum mit: 100 Schwerpunktbetriebe der DDR, darunter das KWO, wurden unter direkte Aufsicht der SED-Führung gestellt. Werkdirektoren und später Kombinatsdirektoren waren zwar mächtige Männer, aber faktisch den SED-Parteisekretären in den Betrieben unterstellt. Diese hatten die eigentliche Macht und erhielten ihre Befehle direkt aus dem SED-Apparat. Hinzu kam der Aufbau sehr starker Parteistrukturen.

Videozeit 29:32 Dazu kam eine starke Struktur der FDJ, der Freien Deutschen Jugend, also der Nachwuchsorganisation der Partei. Gleichzeitig nahm die Bedeutung der Gewerkschaften stark ab. Es entstanden eigene Strukturen des Ministeriums für Staatssicherheit innerhalb dieser Betriebe. In KWO und TRO wurden starke Strukturen aufgebaut, um nie wieder einen 17. Juni zuzulassen. Die wichtigste Präventionsmassnahme gegen einen neuen Volksaufstand war schließlich der Maürbau. Damit sind wir wieder in Oberschöneweide: Nach dem 17. Juni wurden auch im KWO und im TRO Kampfgruppen eingerichtet.

Videozeit 30:32 Das waren bewaffnete paramilitärische Kampfverbände, die bei künftigen Aufständen aktiv werden und sie niederschlagen sollten. Die Idee lautete: Arbeiter verteidigen mit der Waffe in der Hand den Sozialismus. Die Kampfgruppen waren in den Betrieben untergebracht, gehörten aber organisatorisch zur Polizei. Wenn geübt wurde, hieß es: Im Ernstfall sollen Saboteure und Agenten festgenommen oder unschädlich gemacht werden. Bei Alarm liefen die Männer los, die Fahrzeuge standen bereit, die Waffen wurden ausgegeben, dann kam der Marschbefehl.

Videozeit 31:33 Weil diese Einheiten der Polizei unterstellt waren, waren rote Ampeln oder andere Verkehrsregeln in solchen Momenten zweitrangig. Kam die Kolonne, wurde der Verkehr gesperrt, damit sie freie Fahrt hatte. Die Kampfgruppen zählten etwa 380 Mann, die Belegschaft rund 3.000. Genau das wurde am 13. August 1961, als in Berlin die Maür gebaut wurde, propagandistisch inszeniert: Kampfgruppenmänner standen mit der Waffe in der Hand am Brandenburger Tor. Es sollte gezeigt werden: Die Kampfgruppen sichern den Maürbau. Eine der zentralen Einheiten am Brandenburger Tor kam aus Oberschöneweide.

Videozeit 32:30 Das wurde hier mit großem Auflauf inszeniert, fast wie bei einer Beerdigung Rathenaus: mit Tatü-tata, großen Propagandatafeln, Reden, Blumen und viel Pathos. Am Vortag, am 10. August 1961, kam niemand Geringerer als Walter Ulbricht hierher und hielt vor etwa 3.000 Menschen in der Halle eine Ansprache. Kameras nahmen das auf. Dabei verkündete er faktisch den bevorstehenden Maürbau. Auch hier spielte sich also Weltgeschichte ab. Als Ulbricht hier im KWO sprach, kam es zu einem Zwischenfall, der in dieser Form nicht häufig vorkam. Ulbricht äußerte sich über freie Wahlen und über den Westen.

Videozeit 33:35 Ein Arbeiter aus den Werken nutzte diese Passage und rief sinngemäß dazwischen: Auch wenn ich hier der Einzige bin, was haben Sie gegen freie Wahlen? Ich bin für freie Wahlen. Ulbricht unterbrach seine Rede, und es kam zu einem Wortwechsel. Der Mann wurde anschließend von der Staatssicherheit festgenommen und verhört. Man wollte wissen, was mit ihm los sei. Er ahnte, dass das nicht gut ausgehen würde, und floh noch am selben Tag nach West-Berlin. Dort erzählte er seine Geschichte und lebte dort bis zu seinem Tod. Es gibt nicht viele dokumentierte Vorfälle dieser Art von Opposition gegen den SED-Staat, die hier direkt erfolgten.

Videozeit 34:37 Aber immerhin. Überall war das Zeitalter der Industrialisierung auch ein Zeitalter der Konzentration von Arbeit. Zehntausende fuhren zu Institutionen und lebten in der Nähe dieser Großbetriebe, Bergwerke, Häfen und Werften. In der DDR war das im Prinzip nicht anders und doch ganz anders. Auffällig war, dass in der DDR, auch hier im KWO, im TRO und im Werk für Fernsehelektronik, Angestellte, einfache Angestellte, Facharbeiter und Ungelernte relativ ähnlich wohnten. Ich habe Menschen kennengelernt, die jahrelang riesige Werke in Führungspositionen geleitet hatten.

Videozeit 35:38 Sie wohnten hier nebenan in einer AWG-Wohnung mit drei Zimmern. Einen ganz anderen Berufsethos habe ich ebenfalls kennengelernt. Natürlich gab es auch eine kleine Elite, die in Einfamilienhäusern oder Villen wohnte, aber in der Regel nicht in Oberschöneweide, sondern weiter draussen, oft in grünen Gegenden des Bezirks Köpenick. Das Besondere lag hier in den Produktionsbetrieben und, allgemeiner gesprochen, in den staatlichen Einrichtungen der DDR. Ob Betriebe, Räte der Kreise und Bezirke, Universitäten, Staatssicherheit oder Polizei: Alle waren ähnlich organisiert.

Videozeit 36:37 Zum Arbeitsplatz gehörte all das, was man sonst in einer Gesellschaft braucht, um sie am Laufen zu halten: Kulturleben, Sport, Gesundheitswesen, Altersbetreuung, Versorgung mit Urlaubsplätzen und vieles mehr. Oberschöneweide war an die Großbetriebe angebunden. Es gab Betriebssportgemeinschaften und Kultureinrichtungen, die zu den Betrieben gehörten. Das führte auch dazu, dass sich das Heiratsverhalten stark auf die Region und auf die Institutionen konzentrierte. Diese Organisation der Arbeitswelt und der Arbeitsgesellschaft DDR hatte natürlich auch kulturelle und mentale Folgen.

Videozeit 37:40 Ganz nüchtern betrachtet waren 95 Prozent der Menschen in der DDR faktisch Staatsangestellte. Auch Institutionen wie Kirchen oder private Bereiche waren letztlich nach ähnlichen Prinzipien organisiert und strukturiert, nach ähnlichen Leitmaximen oder sogar nach den gleichen Ausrichtungen. Das führte zu einer gewissen Uniformierung des Lebens. Das meine ich nicht abwertend, sondern als nüchternen Fakt. Gesellschaftliches Leben funktionierte über den Arbeitsplatz. Das bedeutete aber auch, dass es kaum eine Zivilgesellschaft daneben gab. Wenn seit 1990 über die große Diskrepanz der Arbeitsproduktivität zwischen Westen und Osten gesprochen wurde, blieb dieser Aspekt meistens unberücksichtigt.

Videozeit 38:46 Etwa ein Drittel der Menschen in den Produktionsbetrieben, auch hier im KWO oder TRO, stand nicht direkt mit der Produktion in Zusammenhang. Sie waren Kultur- oder Sportbeauftragte, bei der Feürwehr oder an anderen Stellen tätig. Sie gehörten zum Betrieb, ohne für dessen eigentlichen wirtschaftlichen Zweck unmittelbar etwas leisten zu müssen. Sie hatten andere Aufgaben. Das Verständnis von Arbeit und Gesellschaft in der DDR beziehungsweise in der SED war ein anderes: Es gab diese Trennung zwischen Staat und Gesellschaft nicht. Das führte dazu, dass die Menschen in einer Art Vollversorgung lebten.

Videozeit 39:43 Diese Vollversorgung fand auf niedrigem Niveau statt, aber sie reichte von der Kindergruppenbetreuung bis zum letzten Atemzug. Viele empfanden sie gar nicht als Bevormundung, sondern als umfassende Betreuung zu einem außerordentlich günstigen Preis. Ich war sehr überrascht, dass ich nie eine Klage gehört habe. Die Menschen, mit denen ich sprechen konnte, waren traurig, dass sie nicht mehr dort arbeiten konnten, wo sie früher gearbeitet hatten. Andere Stimmen habe ich kaum kennengelernt. Viele sagten: Ich kann mich über mein Arbeitsleben im Werk für Fernsehelektronik nicht beschweren. Es war abwechslungsreich und interessant. Wie jedes Arbeitsleben hatte es schöne und weniger schöne Tage.

Videozeit 40:49 Vieles war kostenlos oder extrem günstig; Geld kostete das den Einzelnen kaum. Das Problem war nur: So sah es auch aus. Man fuhr hier durch, es rauchte und dampfte, es war grau und schmutzig, sehr schmutzig. Viele Häuser, etwa in der Wilhelminenhofstraße, waren zum großen Teil leergezogen und entsprechend heruntergekommen. Es war eine graü Angelegenheit. Zu DDR-Zeiten gab es Pläne für eine Autobahn. Ich war vorher nie in Schöneweide gewesen, außer am Bahnhof, der ebenfalls erneuerungsbedürftig war. Für Regionalzüge hatte er früher eine ganz andere Bedeutung als heute.

Videozeit 41:49 Damals hatte der Bahnhof einen anderen Stellenwert. Die Arbeitszeiten waren so getaktet, dass um sechs Uhr viele Menschen in KWO, TRO oder WF auf Arbeit sein mussten. Ich kam aus der Gegend von Rangsdorf und erlebte, wie wichtig diese Verbindungen waren. Bei Schnee und Frost mussten Leute abgestellt werden, um Weichen freizuhalten oder zu heizen. So hielt man den Ablauf am Laufen. Alles war grau und schwarz. Ich weiß noch genau: Am 6. Februar 1984, ein düsterer Wintertag, hing die Luft schwer nach unten. In Schöneweide kam die Luft kaum weg.

Videozeit 42:50 Alles war grau und schwarz. Ich fragte mich voller Entsetzen: Wo bin ich hier geraten, was will ich hier eigentlich? Die eigenen Kollegen waren mit Dreckgeld zufrieden. In der Produktion, wo Zink legiert wurde, konnte Zink verbrennen, wenn das Schmelzen nicht richtig überwacht wurde. Dann lag in halb Schöneweide ein weißer Belag, der kein Schnee war, sondern Zinkoxid. Oberschöneweide war in den 1980er Jahren ein Sinnbild für den Untergang des Regimes. Die Fassaden waren verschlissen, die Wohnungen hatten Löcher. Es stank an allen Ecken, nicht nur nach Metall, Altöl, Benzin und Kerosin.

Videozeit 43:53 Es roch nach allem Möglichen, das man kaum noch Gerüche nennen mochte. Es war dreckig. Dieses berühmte Grau der DDR war hier an allen Ecken tatsächlich sichtbar. Den Leuten ist nicht zu verdenken, dass sie dort nicht wohnen wollten. Die Mieten waren billig, aber viele wollten weg. Wo man sonst auch in der Umgebung hinkam: In vielen Regionen sah es ähnlich aus und roch auch so. Das war bitter. Oberschöneweide war in Ost-Berlin vielleicht eine der dreckigsten und ungemütlichsten Ecken.

Videozeit 45:01 Gegenüber vom Haupteingang des Kabelwerks Oberspree, dort, wo heute der Rathenauplatz ist, gab es die Gaststätte Stumpfe Ecke. Gaststätte ist dafür fast ein Euphemismus. Es war ein verruchtes, dunkles Lokal, in dem 24 Stunden Alkohol floss. Das wusste jeder Heranwachsende in Ost-Berlin, zumindest in Köpenick. Die Frühschicht, die um sechs Uhr begann, nahm dort vor der Schicht ihr erstes Bier und Korn. Die Nachtschicht kam heraus und ging erst einmal in die Stumpfe Ecke: Bier und Korn zum Frühstück. Wer Feierabend hatte, stürzte ebenfalls in diese Kneipe. Wenn jemand fehlte, ging man vor die Kneipe und sagte: Du, du kommst mit.

Videozeit 46:02 Das geschah nicht ohne Humor, denn alle wussten: Die bekommen auch Geld dafür, sie werden dafür bezahlt. Gaststätten gab es auch andere, etwa die Stumpfe Ecke und den Feierabend. Ich glaube, ich war einmal im Feierabend. Das kann man sich nicht als Gourmetgaststätte vorstellen. Es war eine Arbeitergaststätte, die früh um sechs öffnete, wie die Stumpfe Ecke auch. Dann kamen die Kollegen der Nachtschicht, später die Frühschicht. Man konnte dort billig Bier trinken und auch essen. Das Essen war preiswert. Aber es war kein Ort, an dem man unbedingt hängen bleiben musste.

Videozeit 47:03 Wenn man mit jemandem ausgehen wollte, dann sicher nicht in den Feierabend. Man suchte sich etwas anderes. Die Stumpfe Ecke war immer offen, der Feierabend öffnete ebenfalls früh. Um die Arbeit ruhigzustellen, hatten die Leute ihr Bier für 1,60 Mark oder 45 Pfennig, je nachdem, was sie tranken. Das konnte sich jeder leisten, so viel verdienten alle. Insofern ist dieses Phänomen Alkoholismus interessant, weil es etwas über die Gesellschaft aussagt. In diesen ungezähmten Formen traf es nicht nur eine bestimmte Gruppe.

Videozeit 48:04 Es traf Facharbeiter und ungelernte Arbeiter, Parteisekretäre, technische Ingenieure und Werkdirektoren. Da gab es keine Klassen- oder Schichtengrenzen. Es machte auch vor politischen Haltungen nicht halt. Alle waren gleichermassen frustriert und versuchten, ihren Zorn, Ärger und ihre Unzufriedenheit zu ertränken. Dann kam 1989 die Revolution. Wenn man über Revolution spricht, muss man zwei Banalitäten im Kopf haben, die Historikern fast peinlich sind. Erstens: Revolutionen sind nie Angelegenheiten von Mehrheiten, sondern immer Angelegenheiten von Minderheiten.

Videozeit 49:04 Eine Minderheit kämpft gegen Maürn und gegen die alte Minderheit, die das Alte verteidigt. Die große Masse steht dazwischen, wartet ab, steht hinter der Gardine, schaut zu und sagt bestenfalls, wenn eine Seite gewonnen hat: Für diese Seite war ich schon immer. Das zeigte sich 1989 auch in Oberschöneweide. Der Ort bekam für ein paar Wochen überregionale Bedeutung, weil sich im Werk für Fernsehelektronik eine Plattform innerhalb der SED bildete. Sie forderte, wie andere Gruppierungen damals, eine innere Demokratisierung der Partei. Man orientierte sich an Gorbatschow, an Glasnost und Perestroika, also an Umbau und Offenheit. Man wollte aus den alten Strukturen heraus, die kommunistische Idee retten und die Macht der Partei erhalten.

Videozeit 50:05 Es sollte aber, wie sie sagten, demokratischer werden. Interessant war, dass diese Plattform wie andere in der DDR zur Destabilisierung des Regimes beitrug. Die Zentren der Revolution lagen allerdings anderswo. Was hier geschah: In Oberschöneweide zeigte sich die Transformation ab 1990 so radikal wie kaum irgendwo sonst in Ost-Berlin. Als erstes wurden die nichtproduktiven Bereiche abgewickelt, also das, was den Kern der Arbeitsgesellschaft ausgemacht hatte. Das geschah noch bevor westliche Manager richtig da waren. Die Einheit wurde erst am 3. Oktober vollzogen; alles, was Kosten verursachte, aber keinen Gewinn versprach, wurde ausgegliedert.

Videozeit 51:11 Kultureinrichtungen, Versorgung, Betreuungseinrichtungen und Urlaubseinrichtungen wurden ausgegliedert. Das bedeutete auch, dass Fraün in der ersten Phase der Arbeitslosigkeit überproportional betroffen waren. Ich hatte den Eindruck, dass die Wende vor allem Fraün hart traf. Ich lernte Ingenieurinnen kennen, die hochqualifiziert waren und nach der Wende Keramikkurse besuchen mussten. Ihre Berufsbiografien waren gebrochen, und sie traürten ihren Arbeitsplätzen hinterher. Viele Männer wurden dagegen bei Siemens untergebracht. Wir hatten hier fünf große Kombinatsbetriebe; Bereiche des Werks für Fernsehelektronik wurden von Siemens übernommen. Ich habe keine einzige Frau kennengelernt, die von Siemens übernommen wurde.

Videozeit 52:16 Innerhalb von drei Jahren arbeiteten 80 Prozent der Ostdeutschen nicht mehr in der Institution, in der sie noch 1990 gearbeitet hatten. Es gibt in Europa keinen vergleichbaren Vorgang dieser Radikalität. Warum haben die Belegschaften nicht gekämpft? Viele waren so angewidert von der Partei, dass sie sagten: Mit denen machen wir nicht mehr. Für die Westarbeit machen wir auch nicht. Als ich noch einmal hier war, liefen von drei Pressen noch eine. Das war 1992 oder 1993. Von einer Presse gab es noch eine Besatzung, wenn ich mich recht erinnere.

Videozeit 53:16 Maximal zwanzig Leute waren noch da. Ab dem 1. Juli 1990 geschah alles in atemberaubendem Tempo. Der Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes sagte im August 1990 sinngemäß, es komme ihm vor, als wolle man bei rasender Fahrt auf der Überholspur einer Autobahn alle vier Räder gleichzeitig wechseln. Der alte Stammkonzern AEG versuchte hier wieder Fuss zu fassen und einiges zu übernehmen. Das war mit einem massiven Rückbau der Arbeitsplätze verbunden. Die AEG geriet in Interessenkonflikte mit anderen Konzernen. Teile wurden an einen britischen Konzern verkauft, damit war die Treuhand auch aus dem Rennen. Dann kam die britische Königin nach Oberschöneweide.

Videozeit 54:19 Sie ließ sich hier feiern, und alle feierten mit, weil es offenbar weiterzugehen schien. Aber nichts ging weiter. Am Ende brach alles zusammen. Von den ganzen Produktionsbetrieben blieb praktisch nichts übrig. Die letzten Sachen im WF wurden um das Jahr 2000 eingestellt. Insgesamt kann man von zwei Phasen sprechen: Die erste Phase bis 1993 brachte eine radikale Reduzierung auf vielleicht noch zehn Prozent der Arbeitskräfte, die 1989 hier gearbeitet hatten. Bis zum Jahr 2000 war dann mehr oder weniger alles vorbei. Man kann sich vorstellen, welche Depression und Lethargie sich über diese Region legte. Die Leute wohnten ja alle hier.

Videozeit 55:12 Nun waren sie mit etwas konfrontiert, das in ihrer Sozialisation überhaupt nicht vorgesehen war: Arbeitslosigkeit. Wenn man in einer Region aufwächst, in der man zumindest theoretisch mitbekommt, dass man arbeitslos werden, die Wohnung verlieren oder mobil sein muss, ist das eine andere Situation. In Oberschöneweide war all das nicht vorgesehen. Arbeitslosigkeit, Wohnungsverlust, Mobilität: Das waren Dinge, die woanders stattfanden. Bei uns gab es das nicht. Nun passierte alles innerhalb extrem kurzer Zeit. Das überforderte nicht nur einzelne Menschen, sondern eine ganze Gesellschaft.

Videozeit 56:04 Dann stellt sich die Frage: Was macht das mit einer Gesellschaft, was macht das mit einem Gebiet? Wenn man im Jahr 2000 oder 2005 hierherkam, wirkte es trostlos, heruntergekommen und seit Jahren ungepflegt. Es war wie ein Freilichtmuseum, aber eines, aus dem man nach dem Aussteigen aus der S-Bahn oder Straßenbahn am liebsten sofort wieder weg wollte. Schöneweide von damals ist nicht Schöneweide von heute. Das muss man unterscheiden. Als ich hier arbeitete, war das Umfeld nicht schön. Der erste Schock war groß, aber man konnte hier leben, man bekam alles, man gewöhnte sich.

Videozeit 57:07 Ich hielt mich in Schöneweide nicht länger auf als nötig, aber man gewöhnte sich an den Ort. Wenn ich heute auf Schöneweide schaue, erinnere ich mich natürlich an vieles anders. Deshalb bin ich auch gerne hier im Industriesalon: um Erinnerungen zu bewahren. Aber es ist ein anderer Ort geworden, nicht mehr derselbe. Was mich freut, ist, dass wieder Leben da ist, junge Leute, eine neue Bedeutung. Einkaufsstraßen braucht man heute vielleicht nicht mehr in derselben Weise, weil man vieles online bestellen kann. Die Quartiere haben einen neuen Anstrich bekommen, und an vielen Ecken sieht man Optimismus.

Videozeit 58:00 Es hat sich vieles verändert. Aber Schöneweide, das sage ich früher wie heute, war nie schön, hat aber eine ungeheuer spannende und aufregende Geschichte. Heute ist hier eine Hochschule angesiedelt, einer der wichtigen Arbeitgeber. Hochschule heißt immer: junge Leute. Wo junge Leute sind, gibt es einen neuen Motor. Die Wohnquartiere haben sich verändert. Gleichzeitig passt in manchen Straßen vieles nicht richtig zusammen. Die Hauptstraße und die Wilhelminenhofstraße sehen architektonisch merkwürdig aus.

Videozeit 59:03 Auf der einen Seite stehen die alten, umfunktionierten Bauten der großen Industrie, die teilweise vor sich hin gammeln, aber das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert dokumentieren. Teilweise sieht man noch Stahlkonstruktionen, alte Schienen und Gleise der Güterwagen, die hier durch die Straßen fuhren. Man kann das alles noch riechen und erahnen. Auf der anderen Seite stehen Hausfronten, die keinen Sinn zu ergeben scheinen. Ich bin kein Denkmalpfleger, und nicht alles kann unter Denkmalschutz gestellt werden. Aber bestimmte Dinge müssen erhalten bleiben.

Videozeit 59:53 Das gesamte Industriegelände entlang der Spree steht unter Denkmalschutz und muss unbedingt erhalten bleiben. Gesichtslose Bürolandschaften haben wir in Berlin in Hülle und Fülle; sie erzählen uns nichts mehr. Hier sehen wir, warum Berlin damals überhaupt zur führenden europäischen Wirtschaftsmetropole werden konnte. Das kann man hier vor Ort erzählen. Allein an diesem Gelände: Wo auf dem Campus der HTW Gebäude abgerissen wurden und heute Laborgebäude stehen, können wir keine Geschichte mehr erzählen. Wir können dort nichts mehr über Hans Scharoun oder neue Industriebauten berichten, weil nichts mehr da ist. Deshalb ist dieser Ort so ungeheuer interessant: Er entstand Ende des 19. Jahrhunderts aus dem Nichts.

Videozeit 1:00:51 Aus der grünen Lunge Berlins wurde innerhalb weniger Jahre ein weltgeschichtlich bedeutender Ort: Elektropolis, ein Zentrum der industriellen Entwicklung Deutschlands und Berlins, das die Höhen und Tiefen des 20. Jahrhunderts mitgemacht hat. Hier lässt sich DDR-Geschichte erzählen, die SED-Diktatur, der 17. Juni, der 13. August und Walter Ulbricht, aber auch der Niedergang der 1980er Jahre mit Grau, Hoffnungslosigkeit und Stagnation. Nach der Friedlichen Revolution wurde Schöneweide geradezu zum Tiefpunkt, weil auf einmal gar nichts mehr ging. Es gab keine Zukunft mehr, weil die Gegenwart aufgehört hatte, sich zu bewegen und zu funktionieren.

Videozeit 1:01:55 Und aus diesem Ort kommen heute wieder viele Impulse: kreative Impulse, Ideen, die Möglichkeit zu sagen, lasst uns hier Zukunft diskutieren. Hier gibt es so viel Potenzial, so viele Ideen, so viel Buntheit und Verrücktheit und vor allen Dingen Raum für Neues. Also, liebe Leute: Die Zukunft findet in Oberschöneweide statt. [Musik]

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