Schöneweide wurde nicht einfach industriell genutzt, sondern als Industrielandschaft geplant, gebaut und immer wieder neu gelesen. Die Geschichte des Ortes verbindet AEG, Elektropolis, Krieg, DDR-Industrie, Deindustrialisierung und die heutige Transformation.
Diese Ortsgeschichte führt Betriebe, Infrastrukturen, Menschen und Brüche zusammen. Sie versteht Schöneweide nicht als Kulisse einzelner Werke, sondern als zusammenhängenden historischen Raum.
Kapitel 01
Vor der Elektropolis
Es ist schwer zu glauben, aber Schöneweide war tatsächlich einmal die „schöne Weyde“: eine ausgedehnte Wiese an einer Biegung der Spree, weit entfernt von den Toren Berlins. Im 17. Jahrhundert bildeten sich dort zwei kleine Dörfer an den Spreeufern aus, die Ober- und Niederschöneweide hießen.
Die Spreeschiffer aus Köpenick hielten hier Rast, und allmählich entdeckten auch Berlinerinnen und Berliner das Gebiet als Ausflugsziel. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden in Ober- wie Niederschöneweide große Ausflugslokale, Musikpavillons, Tanzsäle und erste Fährverbindungen. Noch war Schöneweide kein Industrieort, sondern ein Randbereich zwischen Wasser, Erholung und ländlicher Peripherie.
Vielleicht wäre Schöneweide bis heute ein grüner Erholungsbezirk geblieben, wenn nicht im späten 19. Jahrhundert die industrielle Randwanderung eingesetzt hätte. Mit der Expansion Berlins veränderte sich auch der Blick auf das Spreeufer: Aus Landschaft wurde Standort.
Kapitel 02
Die AEG kommt an die Spree
Warum Schöneweide?
Als innerhalb Berlins zunehmend Platzmangel herrschte und großzügige Industriebauten dort kaum noch realisierbar waren, bot Schöneweide genau die Voraussetzungen, die ein expandierendes Unternehmen brauchte: große Flächen, die Spree als Transportweg und seit 1894 eine eigene Industrieanschlussbahn, die die Betriebe untereinander und mit dem Güterbahnhof Niederschöneweide verband.
Eine Grundrentengesellschaft kaufte weite Areale in Schöneweide auf und vermarktete sie gezielt an kapitalkräftige Unternehmer. In diesem Kontext machte Emil Rathenau Schöneweide zu einem Hauptstandort der 1883 gegründeten Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft. In den 1890er Jahren entstanden hier eine Akkumulatorenfabrik, ein eigenes Kraftwerk, eine Automobilfabrik und ein modernes Kabelwerk mit Kupferwalzwerk, Gummiwerk und Drahtzieherei.
Um 1920 kam die Werkzeugmaschinenfabrik „Deutsche Niles-Werke AG“ hinzu, die binnen weniger Jahre zu einem der größten Transformatorenwerke Europas ausgebaut wurde. Der Aufstieg Schöneweides war damit nicht das Ergebnis einzelner Zufälle, sondern Ausdruck einer gezielten industriellen Raumordnung.
Kapitel 03
Die AEG-Stadt
Industrie und Stadt als Zusammenhang
Das Industrieareal in Oberschöneweide gilt als eines der bedeutenden Denkmale der Berliner Industrie und als größtes zusammenhängendes Industriedenkmal Europas. Schöneweide wurde nicht nur von Fabriken besetzt, sondern als zusammenhängende Industrielandschaft geprägt. Produktion, Energieversorgung, Verkehr, Wohnungsbau und soziale Infrastruktur standen in einem funktionalen Verhältnis zueinander.
Die AEG war ein modernes Unternehmen, das auf nahezu allen Gebieten der Elektrotechnik tätig war und das Stadtbild von Oberschöneweide über Jahrzehnte prägte. In der Wilhelminenhofstraße errichtete sie ein langgestrecktes Band von Werksanlagen, das bis heute als gelb verklinkertes Industrieband zwischen Spree und Straße lesbar ist. Daher wird Schöneweide bis heute auch die „AEG-Stadt“ genannt.
Bauen für Produktion und Alltag
Für ihre Werke verpflichtete die AEG einige der bekanntesten Architekten der Zeit, darunter Franz Schwechten, Peter Behrens sowie die Spezialisten des Industriebaus Paul Tropp und Ernst Ziesel. Das bis heute erhaltene Ensemble aus Stockwerksfabriken, Produktionshallen, Verwaltungsbauten und Wohnhäusern verkörpert die frühe architektonische Moderne und macht Schöneweide zu einem Ort, an dem sich Industriegeschichte räumlich lesen lässt.
Schöneweide war damit nicht nur Produktionsstandort, sondern ein Experimentierfeld industrieller Urbanität. Die Bezeichnung „AEG-Stadt“ benennt genau diesen Zusammenhang: einen Ort, an dem ein Unternehmen nicht nur Gebäude, sondern einen ganzen Stadtraum prägt.
Kapitel 04
Elektropolis und industrielle Moderne
Die goldenen Jahre der Elektropolis
Kein Industriezweig prägte seit Beginn des 20. Jahrhunderts Wirtschafts- und Alltagsleben so tiefgreifend wie die elektrotechnische Industrie. Die europaweit einzigartige Konzentration dieses innovativen Wirtschaftszweiges verhalf Berlin zum Aufstieg zur „Elektropolis“, und Schöneweide wurde zu einem ihrer wichtigsten Standorte.
Die 1920er und frühen 1930er Jahre waren die Blütezeit der AEG. Die Betriebe in Schöneweide zählten zu den wichtigsten Produktionsstätten der deutschen Elektrotechnik. Besonders das AEG-Transformatorenwerk prosperierte mit Großaufträgen wie dem Kraftwerk Klingenberg oder der Erneuerung des japanischen Energienetzes nach dem Kanto-Erdbeben. Auch das Kabelwerk Oberspree brauchte den internationalen Vergleich nicht zu scheuen und war an prestigevollen Infrastrukturprojekten beteiligt.
Mit der „Röhrenfabrik Oberspree“, dem späteren Werk für Fernsehelektronik, kamen weitere technologische Felder hinzu. Schöneweide wurde so zu einem Raum, in dem Werkgeschichte, Innovation, Export und Infrastruktur ineinandergriffen.
Arbeit und soziale Reform
Bemerkenswert waren auch die Sozialleistungen, die Emil und Mathilde Rathenau in den Betrieben der AEG etablierten. Betriebskantinen, Krankenversicherungen, Fabrikpflegerinnen und frühe Kinderbetreuungseinrichtungen zeigen, dass die industrielle Moderne in Schöneweide nicht nur durch Maschinen, sondern auch durch neue Formen betrieblicher Sozialpolitik geprägt war.
Die Geschichte der Familie Rathenau ist eng mit dem Ort verbunden. Erich Rathenau war erster Direktor des Kabelwerks Oberspree und ließ sich in Schöneweide eine Villa errichten. Walter Rathenau, später Außenminister der Weimarer Republik, wurde 1922 ermordet. Auch der Waldfriedhof Schöneweide, den Emil Rathenau der Gemeinde schenkte, gehört zu dieser Geschichte des Ortes.
Kapitel 05
Krieg, Zwangsarbeit und Zerstörung
Der Zweite Weltkrieg beendete das goldene Zeitalter der Elektropolis. Nicht mehr technischer Fortschritt oder internationale Handelsbeziehungen bestimmten die Produktion, sondern die Anforderungen der Kriegswirtschaft. Die AEG-Betriebe in Schöneweide stellten auf Rüstungsproduktion um und fertigten unter anderem Munitionshülsen und Flakscheinwerfer.
Da es an Arbeitskräften fehlte, wurden Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus vielen Teilen Europas nach Schöneweide verschleppt und in den Betrieben eingesetzt. Sie arbeiteten unter unmenschlichen Bedingungen, zuletzt bis zu 69 Stunden pro Woche und bei minimalen Rationen. Auch KZ-Häftlinge wurden zur Zwangsarbeit herangezogen. Diese Geschichte ist kein Randthema, sondern ein zentraler Bestandteil der Ortsgeschichte.
In der letzten Kriegsphase wurden die Schöneweider Betriebe stark bombardiert. Als beim Rückzug der Wehrmacht im Frühjahr 1945 die Spreebrücken gesprengt wurden, barsten in den Werkhallen fast alle Fenster und Glasdächer. Als die Rote Armee das Industriegebiet besetzte, lagen große Teile der Elektropolis in Trümmern.
Kapitel 06
Neubeginn in der DDR
Neuordnung der Betriebe
Nach 1945 begann eine neue Ära. Die sowjetische Kommandantur ließ die AEG-Betriebe enteignen und 1946 in die Sowjetische Aktiengesellschaft eingliedern. Unter schwierigsten Bedingungen lief die Produktion langsam wieder an. Zunächst wurden vor allem Gegenstände des täglichen Bedarfs gefertigt, doch bald kamen wieder erste Branchenaufträge hinzu.
Mit dem Aufbau der DDR änderten sich die Eigentumsverhältnisse erneut. Die Werke wurden an die DDR zurückgegeben und firmierten als volkseigene Betriebe. Aus dem Kabelwerk Oberspree, dem Transformatorenwerk Oberschöneweide und dem Werk für Fernsehelektronik entstanden neue Schlüsselbetriebe der DDR-Industrie.
Schöneweide als DDR-Industriestandort
Um diese Zeit war Schöneweide längst in das System der sozialistischen Planwirtschaft eingebunden. Die Werke waren an Planvorgaben gebunden und konnten nur begrenzt eigenständig agieren. Dennoch entstanden hier elektrotechnische Qualitätsprodukte, die in viele Länder exportiert wurden. KWO, TRO und WF prägten den Ort für Jahrzehnte, wirtschaftlich wie sozial.
Gerade im Werk für Fernsehelektronik zeigte sich jedoch auch die Grenze dieses Modells. Technologische Rückstände, fehlende Devisen und ausbleibende Modernisierung machten die strukturellen Probleme der DDR-Industrie im Laufe der 1980er Jahre unübersehbar.
Kapitel 07
Arbeit, Alltag und Sozialstaat im Werk
Arbeit im Betrieb
Die Ortsgeschichte Schöneweides lässt sich nicht nur über Hallen, Produkte und Eigentumsverhältnisse erzählen. Sie lebt ebenso in Werkbänken, Fertigungslinien, Betriebskulturen und dem Erfahrungswissen der Beschäftigten. Gerade hier wird Schöneweide als gelebter Arbeitsort fassbar.
Frauen, Kinder, Versorgung
Die DDR verstand sich als Sozialstaat der Werktätigen und verlangte von den Betrieben, entsprechende Leistungen vorzuhalten. Zu den Schöneweider Großbetrieben gehörten Polikliniken, Betriebskrippen und -kindergärten, Ferienobjekte, Kinderferienlager und Sporteinrichtungen. Was hier wie eine Nebenlinie wirkt, war in Wahrheit Teil der industriellen Infrastruktur des Ortes.
Kultur und Sozialleben
Besonders stolz war man auf das kulturelle Angebot. In Kulturhäusern konnte man kegeln, töpfern, schreiben, malen oder batiken, und das KWO besaß sogar ein eigenes Arbeitertheater. Diese sozialen und kulturellen Räume gehören zur Ortsgeschichte ebenso wie die Werkhallen selbst.
Für eine vertiefte Lesart dieses Kapitels sind Publikationen wie Frauen im WF und Kinder im WF ebenso wichtig wie Zeitzeugeninterviews und Archivobjekte, die den Arbeitsalltag sichtbar machen.
Kapitel 08
Umbruch nach 1990
Mit dem Herbst 1989 und der Wiedervereinigung zeigte sich in vollem Umfang, wie tiefgreifend die Krise der DDR-Wirtschaft war. In Schöneweide, wo sich mit KWO, TRO und WF drei große Elektrobetriebe konzentrierten, bedeutete dies Massenentlassungen, Werksschließungen und den Zusammenbruch einer ganzen industriellen Ordnung.
Weder das KWO unter britischem Eigentümer noch Samsung im WF oder die rückkehrende AEG im Transformatorenwerk konnten sich dauerhaft halten. In den 1990er und 2000er Jahren endete die industrielle Nutzung vieler Bereiche endgültig. Zurück blieben große Hallen, Brachen und Fragmente der Elektropolis.
Gleichzeitig entstanden neue Nutzungen. Start-ups, Ateliers, Kulturorte und später die Hochschule für Technik und Wirtschaft prägten den Wandel. Der Umbruch war nicht nur Verlustgeschichte, sondern auch der Beginn neuer, oft prekärer Formen von Aneignung.
Kapitel 09
Ort im Wandel heute
Heute ist Schöneweide weder reine Industriebrache noch museal stillgestellter Erinnerungsraum. Viele Häuser wurden saniert, am Spreeufer entstanden neue Wege, auf den ehemaligen Werkarealen entwickelten sich Kulturorte, Hochschulnutzungen und neue Unternehmen. Gerade dadurch bleibt der Ort lesbar: als Schichtung von Produktion, Erinnerung und Transformation.
Die Aufgabe der Ortsgeschichte besteht deshalb nicht nur darin, Vergangenes zu sichern. Sie muss auch zeigen, wie stark die Gegenwart noch immer von den räumlichen und sozialen Entscheidungen der Industriezeit geprägt ist. Schöneweide ist kein abgeschlossenes Kapitel, sondern ein Ort, an dem Geschichte weiter verhandelt wird.

